Johannes Wicht fragt: „Macht die Deutsche Telekom mit diesem Tarifvertrag Mitgliederwerbung für ver.di?“

Johannes Wicht, Gewerkschaftler und Ex-Betriebsrat der Kommunikationsgewerkschaft DPV übt deutliche Kritik am aktuellen Telekom-Tarifergebnis. Für die vielen tausend Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen die Tag für Tag hochmotiviert Höchstleistungen bringen, ist das Ergebnis eigentlich keine gute Nachricht.

Ver.di setzt mit der Einigung erstmals einen exklusiven Bonus für Mitglieder durch, der sich auf insgesamt 660 Euro beläuft. Wer am 28. Mai 2026 Mitglied war, erhält laut ver.di in diesem Jahr einmalig 440 Euro on top; bei fortgesetzter Mitgliedschaft bis Ende 2028 kommen weitere 220 Euro hinzu. Dies dürfte der Gewerkschaft einen Mitgliederzuwachs bescheren und ist somit Wichts Hauptkritikpunkt. Für Auszubildende und duale Studierende gibt es einmalig einen Mitgliederbonus von 240 Euro. Ver.di beschreibt das Ergebnis als Kombination aus „mehr Geld, mehr Schutz, mehr Anerkennung, mehr Solidarität“.

Diese Tarifvereinbarung führt laut Wicht zu einer massiven Ungleichbehandlung innerhalb der Belegschaft. Beschäftigte, die nicht ver.di-Mitglied sind, erhalten dabei keine Bonuszahlungen. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese einer anderen Gewerkschaft angehören oder nicht organisiert sind.
Dies widerspricht auf eklatante Weise dem Grundprinzip, dass Tarifverträge für alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gleichermaßen gelten. Es ist auch ein Widerspruch zum Code of Conduct der Telekom, der den Grundsatz der Gleichbehandlung beinhaltet. Das Tarifergebnis ist zudem ein Verstoß gegen das Leistungsprinzip: Vergütung sollte sich nach Leistung, Verantwortung und Arbeit richten, nicht nach der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gewerkschafts-Organisation. Es stellt eine Gefährdung des Betriebsfriedens dar: Eine Ungleichbehandlung der Belegschaft kann zu Spannungen zwischen organisierten und nicht organisierten Kollegen und Kolleginnen führen. Das Ergebnis bedeutet weiter eine Einschränkung der negativen Koalitionsfreiheit: Kritiker sehen darin einen unzulässigen Druck auf Arbeitnehmer, einer Gewerkschaft beizutreten, um finanzielle Nachteile zu vermeiden. Arbeitgeberverbände, wie die der Metall- und Elektroindustrie, bewerten solche Klauseln grundsätzlich als „tarifpolitischen Irrweg“. Sie warnen davor, dass dies die Tarifbindung eher weiter schwächen könnte, da Arbeitgeber sich gezwungen sähen, die Flucht aus dem Tarifvertrag anzutreten, um solche Konflikte zu vermeiden.

Mit dem Tarif-Ergebnis zeigt sich Frau Birgit Bohle, Vorständin Personal und Recht bei der Deutschen Telekom, hingegen sehr zufrieden. 

„Nach intensiven Verhandlungen haben wir einen ausgewogenen Abschluss erreicht. Das Gesamtpaket setzt in einer Phase tiefgreifender Transformation ein klares Zeichen für Stabilität und Verlässlichkeit und sichert unseren Beschäftigten ein deutliches Gehaltsplus. Gleichzeitig halten wir die notwendige Balance, um weiter konsequent in unsere Netze und damit in die Zukunftsfähigkeit unseres Unternehmens zu investieren,“ so Frau Bohle.

Nach Angaben der Deutschen Telekom wird das Tarifvotum heute am 19. Juni veröffentlicht.

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